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Prof. Dr. Andreas Obermann Bild-LupeProf. Dr. Andreas Obermann

Appell zugunsten gering qualifizierter junger Menschen

Denn sie sehnen sich nach einer Tätigkeit

Die evangelischen Kirchen in NRW fordern mit einem Appell an Politik und Öffentlichkeit eine Beschäftigungsteilhabe für gering qualifizierte junge Menschen. Worum es geht, erklärt Prof. Dr. Andreas Obermann vom Bonner evangelischen Instituts für berufsorientierte Religionspädagogik (bibor), das den Anstoß zum Appell gab.

Sie mahnen Berufsgerechtigkeit für gering qualifizierte junge Menschen an. Wer sind diese?

Bei der Berufsgerechtigkeit sind jene junge Erwachsene im Blick, die die öffentlichen Regelangebote nicht erfolgreich abgeschlossen haben, wozu der Schulbesuch, eine Ausbildung oder andere berufsvorbereitende Maßnahmen gehören. Diese oft nur gering qualifizierten jungen Menschen haben seit Jahren die größten Schwierigkeiten in den sogenannten ersten Arbeitsmarkt zu kommen. Das gelingt oft nur in den Helferberufen.
Das Einkommen bei diesen Beschäftigungsverhältnissen ist jedoch weder üppig noch reicht es für eine ausreichende Altersvorsorge aus. Und eine Familie zu gründen ist in diesem Beschäftigungsbereich auch schwer. So gibt es bei uns in NRW tausende junger Menschen, Fachleute aus den zuständigen Ministerien sprechen von bis zu 10.000, die vor allem in den Ballungsgebieten von der deutschen Wirtschaftskraft nichts spüren und durch das Raster unseres Sozialstaates fallen.
Wir sind immer noch ein sehr reiches Land: Berufsgerechtigkeit in Deutschland meint in Solidarität mit denen, die es am schwersten haben, für Arbeitsmöglichkeiten zu suchen, die den Fähigkeiten und Fertigkeiten dieser jungen Menschen entsprechen.
Gerecht wäre unsere reiche Gesellschaft, wenn alle Menschen nach ihren Möglichkeiten integriert sind. Der Appell „Arbeit als Chance der Integration“, dessen Idee wir im „Bonner evangelischen Institut für berufsorientierte Religionspädagogik“ erarbeitet haben, ist in diesem Sinn auch ein Baustein für eine inklusive Gesellschaft. Denn auch diese jungen Menschen, von denen wir heute reden, bringen alle Fertigkeiten mit, die oft nur auf den zweiten Blick erkennbar und nicht zertifiziert sind.

Was brauchen gering qualifizierte junge Menschen praktisch?

Selbstverständlich sollten auch für diese jungen Menschen Bildungsangebote weiterhin zur Verfügung stehen. Meine Erfahrung aus der Arbeit am Berufskolleg und auch am Institut der Universität Bonn zeigen mir jedoch deutlich: Die jungen Menschen, von denen wir reden, möchten nicht nur neue Bildungsangebote.
Sie sehnen sich vielmehr danach, durch eine Tätigkeit und Beschäftigung nicht nur eigenes Geld zu verdienen, sondern auch in der Öffentlichkeit bürgerlich beteiligt und anerkannt zu sein. Arbeit zu haben bedeutet ein gutes Leben führen zu können, das heißt, das Leben als sinnvoll erfahren zu können.
Hier ist dann im Sinne der Berufsgerechtigkeit die Kreativität und Phantasie von allen Beteiligten und Verantwortlichen gefragt, nämlich mit den jungen Erwachsenen zusammen nach Arbeiten im privaten wie auch im öffentlichen Sektor zu suchen, die ihren Fähigkeiten und Talenten entsprechen.
Das kann eine Beschäftigung bei der Diakonie, der Caritas oder einer wohltätigen Einrichtung sein, aber auch in einem Gewerbebetrieb des Garten- und Landschaftsbaus oder im KFZ-Gewerbe. So werden sie neben einem geregelten Leben und einem finanziellen Auskommen - ich gehe hier vom Mindestlohn aus - auch jene Anerkennung bekommen, die sie sich wünschen und die sie brauchen.

Die Prognosen lauten: „Helfer“-Jobs werden noch weiter wegrationalisiert oder in Billiglohnländer wegglobalisiert. Was erwarten Sie von der Politik und wie lassen sich Unternehmen überzeugen, etwas zu tun?

Von der Politik und allen anderen Verantwortlichen erwarte ich zwei Dinge. Erstens sollten Politiker auf allen Ebenen die Gruppe von jungen Erwachsenen nicht weiter ausblenden, die wegen ihrer niedrigen Qualifikation oder aus anderen Gründen nicht in den ersten Arbeitsmarkt integriert sind. Denn bislang findet diese Gruppe kaum Beachtung – vielleicht auch, weil bisher alle staatlichen Hilfen ausgereizt schienen und es keine konkrete Idee gab, wie die Politik Geringqualifizierten konkret helfen könnte.
Und damit komme ich zu meinem zweiten Punkt: Ich wünsche mir von der Politik, und damit bin ich beim Hauptanliegen des Appells, dass sie juristisch und administrativ die Wege ebnet, damit Fachleute, zum Beispiel in den Arbeitsagenturen, individuell mit den Betroffenen nach Beschäftigungen suchen können, die zu den Interessen und Fähigkeiten der Geringqualifizierten passen. Dieser individuell zugeschnittene Weg muss weiter ausgebaut werden.
Der Appell zeigt nach meinem Dafürhalten hierfür konkrete Wege auf, wie diese benachteiligten Jugendlichen durch eine Beschäftigung die Chance zur Integration bekommen können. Und letztlich bedeutet das dann ja auch die aktive Teilhabe an und in der Gesellschaft. Und das ist genau das, was die jungen Erwachsenen sich wünschen.
Und die Unternehmer lassen sich am besten von der guten Idee überzeugen. Entscheidend wird für sie sein, dass sie positive Erfahrungen machen, wenn sie einem geringqualifiziertem jungen Erwachsenen eine Beschäftigung als Chance zur Integration bieten. Ich denke, dass gelungene Beispiele die besten Argumente für das Anliegen des Appells sind und sich diese hoffentlich bald herumsprechen werden.

Aus Sicht des evangelischen Theologen: Was bedeutet Erwerbsarbeit für den Menschen?

Erwerbsarbeit bedeutet in erster Linie die Teilhabe am öffentlichen Leben. Die Erwerbsarbeit eröffnet dem oder der Beschäftigten die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben und damit, wie schon gesagt, die Möglichkeit das Leben als sinnvoll zu erfahren.
Das erinnert mich an Kain und Abel: Die ungleich talentierten Brüder hatten gleiche Bildungsvoraussetzungen und doch jeder die Chance, einen Beruf entsprechend ihrer jeweiligen Fähigkeiten zu erlernen. Die Bibel erinnert in dieser symbolischen Geschichte, was auch heute grundlegend wichtig ist: Eine Gesellschaft braucht für Menschen aller beruflichen Anforderungsniveaus entsprechende Bildungschancen und sichere Beschäftigungsverhältnisse.
Diese Aufgabe formuliert der Appell und erinnert damit auch an unsere ethische Verantwortung: Weil vor Gott alle Menschen gleich anerkannt und als gleich wertvoll erachtet sind, ist es die Aufgabe aller Verantwortlichen – und da weiß ich mich mit jüdischen und muslimischen Kolleginnen und Kollegen sehr einig – eine entsprechend gerechte Gesellschaft zu gestalten.
Der Pädagoge und Theologe Friedrich Schleiermacher stellte vor 200 Jahren schon die heute noch entscheidende pädagogische und auch religionspädagogische Frage: Was will eigentlich die ältere Generation mit der jüngeren? Der Appell gibt hier eine unmissverständliche Antwort: In christlicher Verantwortung und Solidarität fordern wir „Arbeit als Chance zur Integration“ und damit die gesellschaftliche Teilhabe und Anerkennung für die hochqualifizierten wie auch für die geringqualifizierten Menschen unserer Gesellschaft.

Professor Dr. Andreas Obermann ist stellvertretender Direktor des Bonner evangelischen Instituts für berufsorientierte Religionspädagogik (bibor).

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ekir.de / neu, Foto privat / 13.10.2017



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